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Essl-Museum: Corso und große Formate von Hubert Scheibl Fat Ducks – Enten, fett genug zum Schlachten
| Kultur |  In den lichtdurchfluteten Räumen des Essl Museums kommen die großen, größtenteils hellen, pastelligen Bilder des Künstlers Hubert Scheibl zu voller Geltung. Sie entführen durch ihre Abstraktheit in eine spirituelle Fantasiewelt. Man meint Formen und Spiegelungen zu erkennen und lässt sich gerne davon vereinnahmen. Hubert Scheibl, der in den 1980er Jahren zu den „Jungen Wilden“ in Österreich zählte, hat sich bis heute durch seine Arbeiten bestätigt; durch vielfältige Ideen, die in seinen Bildern, Zeichnungen und Skulpturen zur Geltung kommen. Seine Bilder zeichnen sich durch Dichte und Farbigkeit aus. Man vermeint die Hand seines Lehrers Max Weiler zu erkennen. Ab März haben Besucher des Essl Museums übrigens Gelegenheit, die Arbeiten beider Künstler zu besichtigen, da zum 100. Geburtstag Max Weilers eine große Ausstellung eingerichtet wird. Hubert Scheibls Arbeiten sind für ihn eine Art „Fat Ducks“, also fette Enten, die reif zum Schlachten sind, und in ähnlich origineller Weise stellt sich der Künstler selbst im Katalog zu seiner Ausstellung vor: „Geboren unter Wasser, 360 mal gedreht, studiert, lebt und arbeitet lieber woanders und in Wien.“ Fat Ducks ist bis 2. Mai 2010 zu sehen. Fast das ganze Jahr über (bis 07. November 2010) ist in der Ausstellungshalle und im Kleinen Saal des Essl Museums ein „Corso“ eingerichtet. Er präsentiert einen Querschnitt durch die Sammlung von Agnes und Karlheinz Essl, die mit über 7.000 Werken einen unvergleichlichen Blick auf die Kunst der Gegenwart bietet. Gefolgt wird damit dem vielfachen Wunsch der Besucher, einen Teil der Sammlung permanent zu sehen. Es gibt dazu Kunstvermittlung seitens des kompetenten Teams, Workshops und „Corso“-Führungen jeweils am Sonntag um 11 Uhr. Um möglichst viele Interessierte zum Dialog mit moderner Kunst zu verführen, wurden die Eintrittspreise gesenkt. Sogar die Anreise ist gratis, mit einem Shuttlebus, der mehrmals am Tag zwischen Albertinaplatz 2, 1010 Wien und dem Essl-Museum pendelt.
Corso, bis 07.11.2010, Ausführliche Informationen unter www.essl.museum
Bilder: Im Titel: Tony Cragg, Spyrogyra, 1992, Sandgestrahlte Flaschen aus Stahlkonstruktion, 210 x 210 x 210 cm © Sammlung Essl Privatstiftung, Klosterneuburg / Wien Fotonachweis: Galerie Academia, Salzburg Im Text: Großformatige Bilder von Hubert Scheibl in den lichtdurchlfuteten Räumen des Essl Museums © Essl Museum zurück | | Karneval-Tropicália in der Kunsthalle Wien: Blattschneiderameisen und Menschenfresser | Kultur |  „Abaporú“ bedeutet in der Sprache der Tupi Anthropophage, also Menschenfresser. Die brasilianischen Indianer liehen damit einer Kulturbewegung ihres Landes ein Wort, das stark genug war, um die Spannung zwischen der „eingewanderten“ und einer eigenen ethnischen Kunst auszudrücken. Dazu hatte der Modernist Oswald de Andrade in den 1920er Jahren das Verschlingen fremder Kulturen propagiert – ein vielseitig missverständliches Vorhaben, das vom Ausrotten bis zur Adaption reicht. Tropicália baut darauf auf – als neue Kunst-Sprache. Man begab sich „herab“ auf die Ebene der alltäglichen Kommunikation, „fraß“ also auch Zeitungen und Fernsehen, und verleibte sich die Möglichkeiten der Massenmedien ein. Ein solcher Gedanke setzt jedoch voraus, dass ein dafür geschaffenes Angebot für die Masse genießbar ist und von dieser auch verdaut werden kann. Das primäre Angriffsziel von Tropicália war das brasilianische Militärregime, das 1964 die Demokratie beendet hatte. Das Regime wurde zum Inbegriff für Monotonie und Monochromie, also Einfärbigkeit, oder besser Farblosigkeit. Gegenübergestellt wurde diesem die reiche kulturelle Diversität des Landes, in bunten, knalligen, wilden Aktionen. Diese Epoche in der brasilianischen Geschichte trifft hierzulande naturgemäß auf wenig Interesse. In der Alten Welt hat man – eigene – historische Probleme aufzuarbeiten. Aber die brasilianische Kunst dieser Zeit, die ist einen Seitenblick wert und mag streckenweise ebenso anregend sein wie eine TV-Doku über den Karneval in Rio. Von der orthodoxen Linken kamen umgehend Anwürfe, dass der Tropikalismus mit seiner breiten Zugänglichkeit eine reaktionäre und regressive Kunstform sei (man kennt es auch bei uns: kaum ist Kunst einigermaßen verständlich und beginnt die Menschen zu erreichen, wird ihr auch schon abgesprochen, sich Kunst nennen zu dürfen). Tropicália selbst verstand sich deshalb bald als „Anti-Kunst“, oder wie es Hélio Oiticica (* 1937, + 1980) formulierte: „Das Avantgarde-Phänomen in Brasilien ist nicht länger eine Sache für eine isolierte Elite, sondern ein breites kulturelles Thema mit sozialen Wirkungen, die auf kollektive Lösungen zielen.“
In diesem Sinne hat Oiticica 1967 die Möglichkeit zu Spaziergang am Palmenstrand geschaffen. Titel des Werks ist Tropicália, Namensgeber von Programm und Ausstellung: Auf dem Sand stehen zwischen tropischen Pflanzen hüttenähnliche Strukturen, konstruiert aus so genannten Penetrávais – Trennwänden. Sie sollen an die „organische Architektur“ der Favelas erinnern. Sie dürfen, nein, sie müssen betreten werden, trotz des engen, fast bedrückenden Raumes, in den man sich hineinzwängt, um ihr Innenleben zu erfahren. Labyrinthartig angelegte Kiespfade führen dazwischen hindurch, vorbei an lebenden Papageien in einer Volière. Die Botschaft erscheint klar, für uns sogar in großer zeitlicher und räumlicher Distanz nachvollziehbar – und noch deutlicher in einem Film von Rivane Neuenschwander. Gezeigt wird quasi ein Kehraus am Aschermittwoch (Quarta-Feira des Cinzas). Die Kamera verfolgt aus nächster Nähe Blattschneiderameisen, die glitzernden Flitter einsammeln. Mit kuriosem Eifer lassen sie die bunten Überreste des Karnevals in einem Loch im Waldboden verschwinden. Begleitet werden sie von einem experimentellen Soundteppich aus Sambarhythmen. Neuenschwander öffnet uns damit den Blick in einen Mikrokosmos, in dem sich die Gegensätze Brasiliens treffen: Samba, Daseinsfreude, Show und Tanz gegenüber der uns unvorstellbaren Armut in den Slums. Mário de Andrade hat es 1928 in Macunaíma, einem Schlüsselwerk des brasilianischen Modernismus, auf den Punkt gebracht: „Jede Menge Blattschneiderameisen und wenig Gesundheit sind die Übel Brasiliens.“
Bis 2. Mai 2010, www.kunsthallewien.at
Bilder: Im Titel: Hélio Oiticica: Sänger und Komponist Caetano Veloso trägt Oiticica’s Parangolé P4 Cape 1, 1968 © Projeto Hélio Oiticica, Rio de Janeiro Im Text: Rivane Neuenschwander, aus: Quarta-Feira de Cinzas/Epilogue, 2006 © die Künstler Galeria Fortes Vilaca
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